Materialitäten, Sinne, Lesebiographien, Lesegehirne

17.10.09

Ja, wir müssen zwei Arten von Lesen entwickeln und auch lehren, und wir müssen sie unseren Kindern beibringen. Wir brauchen Gehirne, die von einem Modus in den anderen wechseln können. Meine Sorge ist, dass Leute meines Alters das noch beherrschen, aber unsere Kinder nicht mehr. Diese Umstellung braucht viel Zeit.

Maryanne Wolf im Interview über sich ändernde Lesegewohnheiten.


Jeggle

23.09.09

Ein paar Mal habe ich ihn in den letzten Jahren samstags noch zum Holzmarkt hinauf gehen sehen, gestützt vom Stock, wie er mit rätselhaft-neugierigem Blick das Tübinger Wochenendgewusel fixierte, um es im nächsten Moment an sich vorbeiziehen zu lassen. Sein Blick erinnerte einen wieder daran, dass er nicht mehr lehrte und warum das so war. Ich war damals nur kurze Zeit vor Ort. Für die Zwischenprüfungsarbeit bin ich ein, zwei oder drei Wochen lang in den neu eingerichteten “Computerpool” ins Schloss gegangen, um meine handschriftliche Version abzutippen; WordPerfect auf Windows 3.01. Computer waren Schreibmaschinen und digital erstellte Hausarbeiten am Institut noch neu. Als ich ihm den Ausdruck gab, sagte er, dass ich alleine fürs Layout und den sauberen Satz eine sehr gute Note bekommen sollte. Mit Schulnoten wurde am LUI in TÜ traditionell außerordentlich lax umgegangen, und weil ich nach Berlin ziehen wollte und diese Note fürs Zeugnis noch fehlte, war das ein nettes, lässiges Angebot. Er wollte mir schon “sehr gut” auf den Schein schreiben, aber ich glaube, dass ich ihn davon abhalten konnte. Ich hatte ihn / es noch nicht verstanden. – Nun ist Utz Jeggle gestorben.



ode, odo

26.02.08

“Wenn man über die Kürze des Lebens spricht”, antwortet Marquard, “muss man auch darüber nachdenken, was nach dem Tod kommt. Die Christen sprechen von Auferstehung, ich aber schlafe lieber. Mir ist es lieber, wenn nach dem Tod der liebe Gott mich schlafen lässt.” Wir fragen etwas irritiert nach, ob er das ernst meine oder nur kokettiere? Nein, er schlafe gern. Unbedingt. Schon in diesem Leben habe er nichts lieber getan als zu schlafen: “Sie können jetzt sagen: das ist eine Herunterspielung der Problematik. Aber im Himmel, wissen Sie, selbst wenn da die Seelen friedlich schweben, wird man sich ja wohl oder übel doch unterhalten müssen. Im Gegensatz zu Kant bin ich kein großer Freund von Tischgesellschaften. Ich esse lieber allein. Der Himmel ist für mich eine Vorstellung, die mir zu kommunikativ ist. Meine Frau protestiert als Pastorentochter immer dagegen und sagt, so eine Haltung sei nicht gerade familienfreundlich, aber ich habe den Hang, viel allein unterwegs zu sein.”

Odo Marquard in der der SZ, nicht (richtig) online zugänglich.


Was noch übrig bleibt

11.02.08

Dietmar Dath: Eine Stellungnahme nach der “Schicht!” (via).


kleine Chronik

3.04.05

»Grapus hat mir einen zweiten Button geschickt, und zwar den an dieser Stelle vorgeschlagenen: ›Kümmern Sie sich nicht um mich.‹ Von nun an kann ich ihn zur Schau tragen und das wandelnde Paradox werden, das die Aufmerksamkeit auf seinen Wunsch lenkt, die Aufmerksamkeit nicht auf sich zu lenken.«
(...)
»Im Kopf hatte ich (durch das Fernsehen) noch all die Bilder der Reise des Papstes, wie er in seinem Korsowagen steht und über die Menschenmenge hinweg eine subtil zwischen Gruß und Segnung schwankende Handbewegung ausführt und es damit allen recht macht: den Laizisten, denen die Show einfach gefällt, und den Gläubigen.«

Genau so, nämlich immer unspektakulär und gewohnt weich: Barthes’ Chronik, 56 Tagebucheinträge, zuerst erschienen zwischen Dezember ‘78 und März ‘79 im Nouvel Observateur; vor zwei Jahren bei Merve erneut herausgegeben. Ja, und natürlich: die kleine Form, »meine kleine Prosa« (S. 61), Alte-Schule-Weblogform.


[contre-noblesse]

12.01.05

»Das Ich, das sich hier vorstellt, ist nicht edel, aber schonungslos. Raddatz stellt seine Verletztheiten aus, gewiss nicht ohne Selbstmitleid. Aber noch etwas lehrt einen diese Autobiografie: Wie im grandiosen Selbstmitleid mehr weltzugewandte Größe stecken kann als in einer Noblesse, die im Grunde zu nichts verpflichtet, in einem Taktgefühl, das über Gerechtes wie Ungerechtes gelangweilt schweigt.«
The Akzeptanzstelle über Raddatz` Autobiografie, großartig und erstaunlich.


role model

8.01.05

Ein öffentlicher Intellektueller wollte Lévi-Strauss nicht werden: »Ich habe keine Lust auf gesellschaftliche Kontakte. Mein erster Reflex: vor den Leuten zu fliehen und nach Hause zu gehen.« (Quelle)




Lecteur

1.11.04

Remue.net: La revue des presses universitaires de Montréal Etudes Françaises, permet d`accéder en ligne à ses anciens numéros (articles en version pdf): Derrida Lecteur.



Navigation

Delicious.com/Peithenen

Tweet

Kommentare

Suche

2003-2009 Peithenen. | Einige Rechte vorbehalten, oder auch nicht. | Mit Textpattern | RSS-Feed