8.11.09 Der Name war ein Problem, und das Konzept war es zunächst auch: die Leute, mit denen man sprach, hörten “Net-zeitung” und verstanden “Netz-Zeitung”. Sie erzählten einem dann später von den paar versprengten Meldungen, die auf der Seite verteilt waren. Sie hatten recht, sie waren nur auf der falschen Seite gelandet. Denn www.netzzeitung.de war ein von Studenten betriebenes Portal, das im Netz publizierte Nachrichten einschlägiger Zeitungen sammelte – ein stimmiges Konzept mit passender URL. Dass sich dieser automatisierte Nachrichtenaggregator von der “ersten deutschen Tageszeitung, die es nur im Internet gibt”, so der Claim von www.netzeitung.de, unterschied: das war vielen schlicht nicht klar.
Tatsächlich war das, was die Netzeitung ab Oktober 2000 machte, neu: die Nachricht, die morgen in der Zeitung stehen würde, schon heute ins Netz zu bringen. Der Zufall wollte es, dass die Netzeitung am 11. September 2001 als einzige deutschsprachige Nachrichtensite serverseitig gut genug drauf war, unter der überproportional hohen Zahl an Besuchern nicht total einzubrechen. Danach stieg bekanntermaßen das allgemeine Interesse an jederzeit abrufbaren, top-aktuellen Nachrichten und Kriegs- und Terrorberichten, Sportergebnissen, People- und Celebritiesgedöns. Die Netzeitung verlängerte ihre Wochenendschichten und wurde als guter Evil Twin des immer schon riesengroßen SpOn langsam registriert.
Vier, fünf Jahre später, als nahezu alle Zeitungshäuser das Konzept der Zeitung von morgen kapiert, in eingängigem Marketingdeutsch als “online first” öffentlich zelebriert und mit dem notwendigen Geld ins Netz gebracht hatten, war die Netzeitung eigentlich schon wieder gestorben. Denn neben dem anscheinend unaussprechbaren Namen hatte die Netzeitung stets das Problem, dass keiner ihrer Eigentümer je wusste, was er mit ihr anfangen sollte, wie er sie je bekannter machen wollte.
Konzeptionell und technologisch, das ist ein Witz unter Ehemaligen, war die Netzeitung trotz ihres heute völlig veralteten, voller Barrieren steckenden HTML immer wieder für kurze Zeit wegweisend – nicht nur, was das Konzept einer Zeitung von morgen angeht: Desktop-Schlagzeilen, ressort- und themenspezifische RSS-Feeds, personalisierte Dienste, Sammelmappen, Merkzettel, kostenpflichtige Inhalte waren lauter Tools und Apps, die in der Regel erst später von Wettbewerbern übernommen, dort aber viel wirksamer vermarktet wurden. Und erinnern sich die Macher von nachrichten.de noch an News im Web? Das war Ihr Vorläufer!
Anders als oft behauptet, hat Michael Maier die Netzeitung nicht gegründet. Das waren Knud und Harald sowie Olav aus Norwegen. Allerdings ist Maier Gründungschefredakteur der Netzeitung. Das ist ein Titel, den man einmal bekommt und den einem niemand streitig machen kann. Strittig hingegen, könnte man mal etwas begriffsblödelnd sagen, war etwas anderes.
Und das formulierte Stefan Niggemeier 2004 in der Fas in einem unter Kollegen auch Jahre danach berüchtigten Artikel. Er hatte mit einigen früheren Netzeitungs-Mitarbeitern gesprochen, deren Frustration offenbar in Teilen in den Artikel eingeflossen war. Und es fanden sich Bezeichnungen darin, die die Kolleginnen und Kollegen als diffarmierend empfanden. Es kam zu einem juristischen Verfahren, dann zu einem gerichtlichen Vergleich. Die seither online zugängliche, bereinigte Version beschreibt die damalige Situation allerdings weitestgehend korrekt.
Als Maier Ende 2006 die Netzeitung verließ und das Bürgerjournalismusprojekt Readers Edition mitnahm, wurde dies extern mit Verwunderung registriert, intern hingegen weitestgehend mit großer Freude und Genugtuung aufgenommen. Ein Zeichen dafür, wie wenig hausintern für eigene Projekte geworben wurde, aber auch für das anhaltende Misstrauen, das Journalisten Webprojekten und -phänomenen entgegenbringen, die ihnen möglicherweise Konkurrenz machen könnten.
Auf Maier folgten gleich zwei Chefredakteure. Beide hatten Jahre zuvor in den von der Kultur-Faz betriebenen “Berliner Seiten” geschrieben und gearbeitet. Und sie ließen wenig Gelegenheiten aus, das mit dem Ende derselben einhergehende Trauma, keine Berliner Seiten mehr vollschreiben zu können und stattdessen jetzt hier online was machen zu müssen, zu beklagen.
Sie hatten ein paar Pläne mit der Netzeitung, aber sie gaben extrem umständliche Interviews. Ein buchstabengetreuer Mensch, der nach Lücken in solchen Plänen sucht, findet sie auch. Und natürlich war es der Journalist, mit dem sich schon ihr Vorgänger angelegt hatte, der die Chefredakteure in seiner neu gefundenen Rolle als Blogger ein bisschen provozierte und dann etwas durchsichtig auflaufen ließ. Immerhin konnten wir den Blogblick neu konzipieren. Die Idee der Weblogkolumne war zwar nicht neu, aber ihr Vorläufer Blogosphäre war viel zu unregelmäßig erschienen.
Von nun an hieß die Netzeitung nicht mehr “Netzeitung”, sondern “Netzeitung.de”. Aber es war absehbar, dass die Einfügung der Top Level Domain in der eigenen Marke eben nicht als Ausdruck eines starken, netzgenuinen Selbstbewusstseins verstanden werden konnte, sondern als unbeholfener Rückgriff auf eine Bindestrich-Online-Existenz aus New Economy-Zeiten erscheinen musste – das fehlende “.de” in der Marke war nun gerade nicht problematisch gewesen. Parallel zur Umbenennung sollte zeitgleich zu einem hoffnungsvoll erwarteten Netzeitungs-Porträt in der Süddeutschen die Website redesignt werden. Der Artikel erschien, das Redesign war fertig, das Porträt war vernichtend.
Kurz danach wurde die Netzeitung an die damaligen Zeitungsoptimierer des Berliner Verlags verkauft. Diese Verlagsmanager waren immerhin Marketingprofis – die ersten auf diesem Gebiet, mit denen es die Netzeitung zu tun hatte. Sie erkannten das Problem, das umgangssprachlich und in der Browsernutzung mit der “Netz-Zeitung” entstanden war, und dem aus betriebswirtschaftlicher Sicht im Laufe der Jahre wahrscheinlich aberwitzig hohe Verluste in Form von verpassten Visits, Page Impressions, Unique Users und Revenues gefolgt waren. Dem Nachrichtenaggregatorenprojekt wurde die Domain entzogen abgekauft, es erscheint seither hier unter neuem Namen.
Ende 2007 hatte die Netzeitung zwar ein Namensproblem gelöst, aber im Jahresverlauf auch Zweidrittel ihrer Mitarbeiter verloren. Ich bin damals, nach mehr als fünf Jahren, gegangen. Und es ist schade, dass die, die blieben, in den vergangenen zwei Jahren offenbar keine Chance mehr bekamen, ihre Online-Kompetenz in den in dieser Hinsicht völlig unerfahrenen Berliner Verlag einzubringen. Man kann sich schon, wie bei Carta, fragen, warum die neuen Eigentümer offenbar nicht willens sind, einem Dutzend Mitarbeiter in ihrem Konzern Jobs anzubieten. Es tut mir leid für die ehemaligen KollegInnen.
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Das Beste, das die Netzeitung je erfunden hatte, war das einmal vollkommen zu recht für den Grimme-Online-Award nominierte Altpapier. Die Medienkomlumne wurde vor etwa einem Jahr verschrottet, warum auch immer. Der Nachfolger des Netzeitungs-Altpapiers wird von ungefähr denselben Leuten geschrieben und steht hier.
Das Beste, das in der Netzeitung je geschrieben wurde, waren Feuilletons, die unter dem besonders dämlichen, aber einprägsamen Titel “Voice of Germany” erschienen. Als eine Subrubrik mit “Kulturnews” des Tages und ein Bücherportal, nach dem niemand verlangt hatte, hinzukamen, und nachdem Voice of Germany in Feuilleton umgetauft worden war, war’s um dieses Format auch bald geschehen.
Das Beste, das die Netzeitung als Ganzes eine Weile lang schaffte, war: seriöser Nachrichtenjournalismus. Auch das funktioniert aber nur mit Menschen, nicht mit Automaten. Die Googleisierer der Branche kümmern sich nicht drum.
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Superbürokratisch, nüchtern und beamtisch steht bei DuMont Schauberg nun eine als Pressemitteilung verkleidete Kündigungsverordnung – wie üblich kommuniziert ohne Ansehen der Personen, die es betrifft.